Werner Kurtmann

Werner Kurtmann, genannt Kurti, war ein Mann, der gern sein ganzes Leben gearbeitet hätte, leider war ihm seine Bandscheibe dazwischengekommen.


Sie hatte sich fast zwischen zwei oberen Wirbeln verschoben, war zu seinem Glück an ihrem Platz geblieben, hatte ihm aber einen bleibenden Schmerz zwischen Nacken, Hals und Schultern hinterlassen.

Ein Schmerz, der aus medizinischer Sicht nie bestätigt werden konnte, jedoch zu einer Arbeitsunfähigkeit auf Lebenszeit führte. Kurti trug seit diesem tragischen Einschnitt in seinem Leben freiwillig täglich eine gepolsterte Cervicalstütze, zwei Schwarz und Silber schimmernde Schalen, die seinen Hals umschlossen, sein Kinn von unten und seine Ohren zur Hälfte bedeckten.

Er war ein Mann von Welt, war viele Jahre zur See gefahren, auf Stückgutfrachtern unterwegs gewesen. Er hatte die Länder der Welt erobert und in dem ein oder anderen Hafen, den ein oder anderen Liebhaber mit einem gebrochenen Herzen zurückgelassen. Er wäre weiter zur See gefahren, wenn nicht der Container seine Arbeit an Bord überflüssig gemacht hätte und er seinen Arbeitsplatz verlor. Kurti wollte LKW fahren, doch schon bei der ersten Fahrt hatte er eine Art Bandscheibenvorfall.

Kurti war ein Mann, der sich nicht von seinem Schmerz bezwingen lassen wollte, der Bewegung brauchte, der jeden Tag nach draußen musste. Mit seinen Cervicalstützenschalen, seinem silberfarbenen Blouson, seinem schwarzen Rucksack und seinen schwarzen Kunstlederhandschuhen machte er sich täglich auf den Weg.

Sobald er mit seinem mechanisch wirkenden Gang in die volle U-Bahn stieg, bekam er einen freien Platz. Wenn er am Ende einer wartenden Schlange zu röcheln begann, wurde er zur Kasse nach vorne durchgelassen. Wenn er über einen Spielplatz lief, liefen die Kinder zu ihren Müttern und Vätern. Er war ein Mann, der Wirkung auf Menschen hatte.

Das wird ein Kuchen für Herrn Mai“, erklärte Frau Mosebach, während sie Backpulver und Dosenobst vom Boden sammelte. Kurti beugte seinen Oberkörper vorn über und sagte: „Ich wohne mit ihm Wand an Wand, morgens führt er Selbstgespräche, danach stampft er mit den Füßen auf den Boden.“ Frau Mosebach hielt in gebückter Stellung inne, so wie Kurti auf sie heruntersah, wurde ihr etwas unbehaglich zumute. Sie drückte ihre Einkaufstüte an ihren Oberkörper, rappelte sich auf und versprach, dass ab dem kommenden Sonntag alles anders werden würde. Kurti sagte: „Es ist nicht schön, wenn ein Mensch nur allein unterwegs ist. Ich nehme ihn mit auf den Weg.“

Frau Mosebach war sprachlos, dass sogar dieser schwerkranke Mann seine Hilfe anbot, rührte sie zutiefst. Da Kurti seinen Weg am Vormittag zu beginnen gewohnt war, einigte man sich darauf, den Sonntag mit einem späten Frühstück zu beginnen, anschließend Kurti mit Herrn Mai auf den Weg zu schicken und die Zeit bis zum gemeinsamen Kaffee zu nutzen, um die Wohnung einmal gründlich auf Vordermann zu bringen.