Josh

Josh hatte seine Liebe schweren Herzens in Texas zurückgelassen. Er musste dringend mal ganz allein über sein Land nachdenken.


Womit er aber nicht nur Texas, sondern die gesamten USA meinte und den ganzen anderen shit, also Kapitalismus und Imperialismus und Ausbeutung und Armut und so.

 

Money fucks“, erklärte er uns und tippte dabei an seine Schläfe, weil er das Innere, also das Gehirn meinte. Das war gleich in den ersten Tagen nach unserer Ankunft, als wir in unserer internationalen Wohngemeinschaft an unserem Gemeinschaftstisch saßen und darauf warteten, endlich loslegen zu können, um das Richtige zu tun. Irgendwie. Josh sah aus wie Dave Gahan. Ich meine, vom Kopf her. Mit seiner Kleidung eher nicht, das lag an seiner kaki Weste und den kaki Shorts, die er jeden Tag trug. Diese Weste hatte viele Taschen, als müsse er jederzeit in der Lage sein, eine Lupe herauszuziehen, um ein Insekt zu betrachten, oder ein Fernglas, um einen Vogel zu beobachten.

 

Der Tresen, der wurde der Arbeitsplatz von Josh. Genauer war es ein Büro mit einem Tresen, an den die Patienten oder Familienangehörigen von Kranken kamen, weil sie Rechnungen bar bezahlen mussten, es gab ja keine Krankenversicherung. Gut, eigentlich gab es auf nichts eine Versicherung. Jedenfalls mussten die Menschen ihre Geldscheine auf dem Tresen stapeln. Das lag aber nicht an hohen Preisen im Krankenhaus, sondern an der hohen Inflationsrate im Land. Die war so hoch, dass die Menschen ihre Geldscheine bündelten und in Taschen und Tüten zum Krankenhaus transportierten. Und das ganze Geld, das dann auf dem Tresen gestapelt wurde, das musste Josh zählen, ausgerechnet, und damit war er den ganzen Tag beschäftigt.

Wenn Josh mit dem Geld zählen fertig war, saß er rauchend auf der Stufe vor unserem Eingeschossreihenhaus und dachte nach oder er schlenderte in kaki Weste und kaki Shorts über das Krankenhausgelände oder einfach so durch die Gegend. Nur einmal, da rannte er. Das war an dem Tag, als Bruder William ihm ein „Time Magazine“ aus Freetown mitgebracht hatte. Bruder William fuhr einmal in der Woche in die Hauptstadt, um Dinge zu erledigen und Sachen einzukaufen, die es bei uns nicht gab. Und Josh bestellte bei ihm gelegentlich ein „Time Magazine“. An dem Tag also rannte Josh direkt auf mich zu, als ich gerade aus dem Schwesternzimmer trat. Er hielt das Nachrichtenmagazin hoch und rief: „Kaum verlasse ich mein Land, fängt es einen Krieg an!“

Und damit meinte er den Krieg der USA gegen den Irak, nachdem der Irak in Kuwait einmarschiert war. Wir hatten davon nur am Rande etwas mitbekommen, weil es ja keinen Fernseher gab, auch kein Radio und außerdem hatten wir nur ein paar Stunden Strom am Tag. An diesem Abend saßen wir dann in unserer internationalen Wohngemeinschaft an unserem Gemeinschaftstisch und waren gemeinsam gegen den Krieg. Und gegen alle Kriege auf der Welt. Das war so ein Moment, in dem wir uns verbunden fühlten. Aber Josh nahm den Krieg persönlich.

Er rauchte vor unserer Tür und trank Palmwein am Tisch und diskutierte aufgeregt mit Liam, weil Liam der Einzige war, der seinen texanischen Dialekt verstand, wenn Josh aufgeregt war und schnell sprach. Wobei, Dorli und ich verstanden ja die wichtigsten Begriffe, um die es sich drehte, also „oil“ und „money“ und „fuck“. Und wir nickten jedes Mal unsere Zustimmung, wenn wir eines der Wörter hörten. Nur, Josh wollte sich gar nicht mehr beruhigen, bis er bei seiner letzten Zigarette angekommen war. Er zog die Schachtel aus seiner Feldforscherweste, klemmte sich die letzte Zigarette zwischen die Lippen, legte die Füße auf den Tisch, rauchte am Tisch, schnippte schließlich die Kippe in sein Palmweinglas und erklärte uns, dass er ein Zeichen setzen musste.

Er konnte es nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren, weiterhin mit uns im Luxus zu leben, also mit stundenweise Strom und meistens fließend Wasser, einer richtigen Matratze zum Schlafen und mit einem funktionierenden Wasserklosett. Er wollte sich mit den Armen um uns herum solidarisieren und ihr Leid teilen und deswegen zog er schon an einem der nächsten Tage bei uns aus und in eine Lehmhütte ein. Da lebte er dann ohne Strom und ohne fließend Wasser, schlief auf dem Boden und bei Bedarf konnte er sich hinter einer Wellblechwand auf ein Brett setzen, unter dem ein Loch war. Aber das war ja immer noch besser, als gar kein Klo.

Wir sahen ihn weiter tagsüber, wenn er an seinem Tresen stand, um das viele Geld zu zählen. Nachdem Josh dann ausgezogen war, kam uns Long John immer häufiger besuchen. Er war ein einheimischer Mitarbeiter im Krankenhaus und ein Kollege von Liam. Und Long John wohnte in einer Lehmhütte. Nach der Arbeit saß er aber lieber bei uns am Tisch, ganz besonders, wenn wir Strom hatten. Dann streckte er seine langen Beine aus, trank kaltes Wasser aus unserem Kühlschrank und hielt sein Gesicht in den Wind, den der große Ventilator über dem Tisch erzeugte. Er war in unserem Alter und wir erzählten ihm, dass Josh in eine Lehmhütte gezogen war, um ein Zeichen gegen den Krieg und gegen Ausbeutung und Armut zu setzen. Long John lachte, schüttelte den Kopf und sagte, dass er Josh von Anfang an ein wenig verrückt im Kopf fand. Und dann fragte er, ob er jetzt bei uns einziehen könne. Long John wollte gern auf dem Bett von Josh schlafen und das Zimmer mit Liam teilen, aber das wollte Liam nicht, er fand es ganz angenehm, das Zimmer für sich allein zu haben.

Junger Mann schläft ohne Decke in Unterhemd und Unterhose mit dem Kopf auf einem Kissen.
Josh

 

Und so blieb das Bett dann unbenutzt. Zumindest, wenn Josh nicht da war. Gelegentlich kam er tagsüber vorbei, um ein paar Stunden Schlaf auf seiner alten Matratze nachzuholen. Das Leben in so einer Lehmhütte war nämlich verdammt hart, wie er uns erklärte, und er freute sich immer, wenn Dorli ihm etwas zu essen kochte. Manchmal klopfte er auch abends an unsere Tür, wenn es noch Strom gab, weil er Chaos im Kopf hatte. Dann setzte er sich an unseren Gemeinschaftstisch, zog das Bild von Mia aus seiner Feldforscherweste und besah es sich im Lampenlicht. Aber wenn er sich dann wieder beruhigt hatte, ging er jedes Mal zurück in seine Lehmhütte, da war er rigoros.