Olivia

Olivia fand ihre Liebe tatsächlich. Sie lebte während des Austauschjahres in einer Gastfamilie im Osten des Landes, im Kono-District, um dort in einer staatlichen Schule beim Unterrichten zu helfen.


Jedenfalls war das der Plan gewesen. Sie war Engländerin und kam aus einer kleinen Gemeinde im Norden der Insel, hatte lange, blonde Haare, ein rundes Gesicht und große, blaue Augen. Und sie wollte Liv genannt werden. Obwohl, „Baby Spice“ hätte auch gepasst, so vom Aussehen her, das dachte ich Jahre später, als ich mir Fotos von damals ansah. Nur, die „Spice Girls“, die gab es zu der Zeit noch nicht.

Olivia also, die wir Liv nannten, hatte schon eine sehr genaue Vorstellung von ihrem Leben nach dem Austauschjahr. Das erzählte sie, als wir in den ersten Wochen unserer Ankunft in Freetown im Kennlerncamp zusammentrafen, um uns kennenzulernen. Das Kennlerncamp lag an einem der schönsten Strände Westafrikas mit Blick auf Palmen und den Atlantik, es gab dort Steinpavillons zum Zusammensitzen und zum Übernachten. Und diesen langen, sauberen Strand, den hatten wir ganz für uns allein. Es war ja Regenzeit.

An einem dieser ersten Tage also saßen einige von uns bei strömendem Regen in einem kalten Steinpavillon, an einem feuchten Tisch, am menschenleeren, nassen Strand. Wir sprachen ganz allgemein über unsere Zukunft, was alles möglich war und was wir für Pläne hatten. Frizzi aus Österreich erzählte zum Beispiel, dass sie nach dem Austauschjahr vermutlich erst einmal irgendetwas studieren würde, aber so ganz sicher war sie noch nicht. Liam wollte eine Ausbildung machen, konnte sich aber für keinen Beruf so richtig entscheiden. Tuula aus Finnland wollte nach dem Jahr noch eine Weile bei ihren Eltern wohnen, um Kräfte fürs Leben zu sammeln. Und ich wusste im Grunde auch nur ziemlich sicher, dass ich keine Ahnung hatte, was ich eigentlich wollte.

Aber dann war da noch Liv. Sie war die Einzige am nassen Tisch, die ganz genau wusste, was sie wollte, obwohl sie die Jüngste von uns allen war. Sie saß also mit uns im Pavillon und verriet uns zuversichtlich, wie es nach dem Austauschjahr in ihrem Leben weitergehen sollte. Sie sagte: „I´m ready to settle down.“ Sie wollte heiraten und Kinder kriegen. Und als sie das sagte, da freute sie sich richtig. Ich überlegte kurz, ob ihre Eltern möglicherweise religiös waren oder zu einer Sekte gehörten. Ich meine, sie war gerade erst 18 geworden und dachte schon an Ehe und Kinder kriegen!

Aber das hatte gar nichts mit Religion zu tun, wie Liv versicherte, weil Tuula sie direkt danach fragte. Liv kam aus einer Familie, die evangelisch war, wie die meisten in England. Wobei, es kann auch katholisch gewesen sein. Jedenfalls hatte Religion in ihrer Familie keine besondere Bedeutung. Sie wollte unbedingt Kinder bekommen, weil sie Kinder so gerne hatte, wie sie erklärte, und sie wollte eine junge Mutter sein. Aber so richtig ernst hat sie trotzdem keiner genommen, weil sie ja noch nicht einmal einen Freund in England hatte.

Jedenfalls begann dann unsere Zeit in den Projekten und ungefähr ein halbes Jahr später, da kam Liv uns in Lunsar besuchen. Sie war damals auf dem Weg nach Freetown, wo sie viel zu erledigen hatte, wie sie uns aufgeregt berichtete. Das heißt, sie blieb auch nur für eine einzige Übernachtung bei uns. Wir saßen also mit Josh und Dorli und Liam an jenem Abend in unserer internationalen Wohngemeinschaft an unserem Gemeinschaftstisch unter dem Ventilator.

Josh berichtete ausführlich von seinem Leben in der Lehmhütte. Liam sprach von seiner Arbeit im Labor, von den Stuhlproben, die er von morgens bis abends untersuchte, er seufzte dabei und schüttelte verzweifelt den Kopf. Ich erzählte von Erlebnissen im Krankenhaus und von Schwester Valeria und Dorli von ihrer Arbeit als Kinderkrankenschwester. Dorli war es auch, die sich nach Livs Projekt in der Schule erkundigte und nachfragte, warum Liv so viel zu tun hatte und ob ihr die Arbeit mit den Kindern Freude machte.
Da lachte Liv fröhlich und rief: „Yeah, the kids are cute!“

Comicbild mit  junger Frau: gelbe Haare, blaue Augen, rosa Top, die Arme ausgebreitet, offener Mund mit roten Lippen. In Sprechblase steht in roter Schrift: Yeah!
Olivia

Nur, sie hatte einfach zu wenig Zeit für die Schulkinder, weil sie privat sehr viel zu erledigen hatte. Sie musste wichtige Vorbereitungen treffen, weil die Zeit drängte. Und damit meinte sie dann die Vorbereitungen für ihre Heimreise mit Karim. Denn Karim, der war ihre große Liebe. Sie erzählte uns, dass sie ihn bei einem Fest kennengelernt hatte und dass es Liebe auf den ersten Blick gewesen war und die beiden sofort ein Paar wurden, weil sie sofort wussten, dass sie zusammenleben wollten. Also für immer und so. Aber nicht im Kono District, auch nicht im Land, also auf keinen Fall im Land, und deswegen war sie dabei, alles für seine Ausreise nach England vorzubereiten. Und Liv musste regelmäßig nach Freetown fahren, weil sie nur von dort mit ihren Eltern telefonieren konnte, die bereits von England aus die ersten Vorbereitungen für die Hochzeit trafen.

Und da sagte Dorli: „Das geht aber schnell.“

Josh rief: „Damn!“, und griff nach seinen Zigaretten. Sogar Liam sah erstaunt aus, obwohl er unter uns der Traditionelle war, also eine Ehe wollte und Kinder und ein Haus und diese Sachen. „Deine Eltern bereiten die Hochzeit vor?“, wiederholte er zweifelnd, nahm seine Brille ab, putzte die Gläser, setzte die Brille wieder auf und sah sie fragend an. „Aber ja, wir sind doch schon verlobt!“, versicherte Liv. Sie sah uns an und lächelte so seltsam nachsichtig, bevor sie erklärte: „Ich habe meine Eltern davon überzeugt, dass Karim aus einer sehr guten Familie kommt und sie haben auch schon mit ihm telefoniert.“

Da war es dann still, so aus Respekt vor Liv, weil wir uns alle unseren Teil zu dieser Sache dachten, ihr das aber nicht direkt ins Gesicht sagen wollten. Das heißt, Liam dachte, dass sie Karim half, das Land zu verlassen. Ich dachte, dass Liv schwanger war. Dorli dachte, dass Liv als Kind zu viel allein gelassen wurde. Und Josh dachte, dass Liv spinnt. Aber darüber, was wir dachten, sprachen wir erst, als Liv schon wieder abgereist war. Und die Abreise war ja schon am nächsten Morgen. Liv umarmte uns alle zum Abschied und wünschte uns alles Gute und so und schüttelte ihre langen, blonden Haare. Sie sah wirklich glücklich aus, als sie sich auf den Weg nach Freetown machte. Das war auch das letzte Mal, dass wir sie sahen.

Als dann wenige Monaten später noch vor der nächsten Regenzeit unser Abschlusscamp an einem der schönsten Strände Westafrikas stattfand, die Sonne schien, die Steinpavillons trocken waren und wir abends an der Strandbar saßen und Sahnelikör mit irischem Whisky oder nur Whisky tranken, da hatte Liv mit ihrer großen Liebe Karim das Land bereits verlassen.