Liebe ohne Zielgruppenanalyse

Wie hätte Shakespeare wohl auf folgende Fragen reagiert: „Romeo und Julia? Was soll denn das? Wen wollen Sie denn damit erreichen? Was ist denn Ihr Ziel?“ Ich kann mir keine Antwort vorstellen. Ich kann mir aber einen Gesichtsausdruck vorstellen: not amused.


Wenn man auf dem Weg in die Selbstständigkeit ist, dann muss man viele Hürden nehmen, man muss Rückschläge verkraften, man muss Absagen wegstecken, man muss sich und seine Arbeit erklären, man muss Strategien haben, sich nicht von einer Idee abbringen zu lassen, man muss sich auf seine Arbeit konzentrieren, man muss Gespräche mit fremden Menschen führen, man muss offen sein für konstruktive Kritik. Man muss vieles und vor allem eines, man muss da durch! Wobei man natürlich auch sehr wertvolle Tipps bekommt, zum Beispiel wie man Menschen in Gesprächen von sich, von einer Idee, von einem Produkt überzeugen kann. Meine persönlichen Favoriten sind: „Treten Sie selbstbewusst auf!“ „Drücken Sie sich präzise aus!“ Und wenn man sich über die Möglichkeiten eines Kredites beraten lässt, bekommt man eine ganz besonders wichtige Information: „Banken verschenken kein Geld!“

An dieser Stelle eine ganz besonders wichtige Information zu meiner Persönlichkeit, ich kann auch dann einen ernsten Gesichtsausdruck wahren, wenn es mich im tiefsten Innern erschüttert vor Lachen. Dabei hatte ich es fast vergessen, ich meine, dass mein Vater, Rentner, mir irgendwann nach der letzten Bankenkrise - sehr leise - mitteilte, dass meine Mutter, Rentnerin, für meine beiden Schwestern und mich Geld angelegt hatte. Ich meine eines dieser unübersichtlichen Anlagepakete, das ihr von einem selbstbewussten Mitarbeiter einer Sparkasse als super sicher empfohlen und verkauft worden war. Dieser Mitarbeiter hatte viele weitere Kunden, die nach bekannt werden der globalen Finanzkrise präzise Fragen zu ihrem Geld formulierten. Kunden, die Antworten forderten, nur dass der selbstbewusste Mitarbeiter quasi über Nacht in eine andere Filiale versetzt worden war. Unbekannt, versteht sich. Erklärungsversuche über Ausmaß und Auswirkungen dieser Krise gab es viele, diese präzise zum Beispiel: Die Finanzwelt ist komplex, es gibt keine einfachen Antworten.

Was mich betrifft, ich habe da eine: „Unser Geld ist weg!“

Wenn man sich in einem kreativen bzw. künstlerischen Arbeitsfeld selbststständig machen möchte, dann muss man sich eventuell auch Folgendes anhören: „Kommen Sie mal raus Ihrem Elfenbeinturm!“ Eine Metapher, die üblicherweise Wissenschaftlern und Intellektuellen unterstellt, von der Wirklichkeit abgehoben zu sein, den Bezug zur Realität verloren zu haben. Also Menschen, die sich berufsbedingt von der Außenwelt zurückziehen, um ungestört ihren Forschungsarbeiten nachgehen zu können. Wenn man in einem Beratungsgespräch mit diesem Bild konfrontiert wird, dann kann auch die versteckte Aufforderung gemeint sein, aktiv zu werden, seine Angelegenheiten in die Hand zu nehmen. Das ist nicht verkehrt. Eventuell hat man jedoch komplett aneinander vorbeigeredet. Es kommt vor, dass in Gesprächen Arbeitswelten und Erfahrungen aufeinander prallen, für die sich in einem kurzen Zeitraum ganz einfach keine Verbindungen finden.

Was mich betrifft, ich habe nie in einem Elfenbeinturm gesessen, ich wusste nicht einmal, was damit gemeint ist, bis ich damit konfrontiert wurde. Ich weiß aber, wie es ist, um vier Uhr in der Früh Brötchen zu schmieren, sie anschließend bis 13.00 Uhr zu verkaufen und damit 800 Euro zu verdienen. Ich weiß auch, wie es ist, für ein Unternehmen zu arbeiten, das in die Insolvenz gerät, weil ein selbstbewusster Geschäftsführer es mit offensichtlicher Inkompetenz präzise an die Wand gefahren hat. Ich nenne das einen direkten Bezug zur Realität. Die wird aber tatsächlich sehr unterschiedlich erlebt. Ein Dozent, bei dem ich vor einigen Jahren an einem Seminar zum Thema Buchführung teilnahm, beschrieb uns seine Realität damals so: „Ich habe mein ganzes Leben in einem weltweit tätigen Öl-Konzern gearbeitet und wurde völlig unerwartet im Zuge von Umstrukturierungen in die Frührente geschickt. Jetzt muss ich nebenher arbeiten, weil ich nicht weiß, wie ich sonst mein zweites Haus abbezahlen soll.“

 

 

Ist es leicht, aus einer kreativen oder künstlerischen Idee eine Selbstständigkeit zu machen? Nein, ist es nicht! Wer sich mit dem Thema auseinandersetzt, wird immer wieder mit derselben Formel konfrontiert: Nachfrage und Angebot ergeben den Markt.

Marketingfachleute können das ganz besonders deutlich, also präzise, beschreiben. Einer ist mir vermutlich auch deshalb in Erinnerung geblieben, weil er als Dozent während eines Seminars, an dem ich teilnahm, durch den Seminarraum hüpfte. Vielleicht, um sich optisch ein wenig größer zu machen, vielleicht aber auch, weil er vor den Vorträgen eine das Hüpfen fördernde Substanz eingenommen hatte. Jedenfalls erklärte er uns Zuhörenden anhand einer aufschlussreichen Erfahrung aus seinem eigenen Leben, wie ein Markt entsteht: „Als die Mauer in Deutschland fiel, war ich noch Student, ich bin jede Woche mit einem Kommilitonen rüber in den Osten. Die Leute drüben wollten Bananen, hatten aber keine, also haben wir Bananen vertickt. Damals hab ich richtig Geld gemacht!“

Ich möchte an dieser Stelle hinzufügen, dass dieses Seminar kein besonders teures und kein besonders gut besuchtes war. Wir können also davon ausgehen, dass der Marketingexperte zu jenem Zeitpunkt sein Bananengeld schon wieder ausgegeben hatte. Dass er durchschnittlich bezahlte Jobs anzunehmen gezwungen war, weil er mit seiner Dienstleistung nicht allein am Markt war. Nachfrage und Angebot. Da wir in Zeiten leben, in denen das Angebot von Produkten und Dienstleistungen größer ist als die Nachfrage danach, sollte man wissen, wenn man sich selbstständig macht, ob es überhaupt eine Zielgruppe gibt, für das, was man verkaufen möchte. Das kann man berechnen, dafür gibt es Formeln, man kann heutzutage vieles in Zahlen voraussagen, sagen Fachleute, die das beruflich machen. Sie vertrauen darauf. Ich nicht! Und es kommt noch schlimmer.

Ich mache etwas, was mir Spaß macht, was im weitesten Sinne künstlerisch genannt werden kann oder auch nicht, es ist mir egal und damit bin ich beim Punkt. Es gibt Menschen, die machen, was sie machen wollen, ohne zu wissen, ob es eine Zielgruppe gibt und wie die definiert sein könnte. Künstler zum Beispiel! Das sind Menschen, die arbeiten mit ihren Sinnen, manche ausschließlich. Aber was soll das? Musik machen ohne Zielgruppe? Schauspielunterricht nehmen? Was verdient man denn schon, wenn man am Theater arbeitet? Ein Buch schreibt? Nichts! Und das Schlimmste, es gibt Menschen, die malen Bilder. Das muss man sich mal vorstellen! Mit echten Farben, mit echten Pinseln, was soll das? Es gibt Grafikprogramme, es gibt Drucker. Was ist mit einer effektiven Zielgruppenanalyse? Wird die eigentlich als Unterrichtsfach an Grundschulen gelehrt? Schüler müssen doch auf das Leben, auf die Realität vorbereitet werden. Oder gibt es tatsächlich immer noch Eltern, die ihren Kindern zum Einschlafen Märchen vorlesen? Flausen in den Kopf setzen? Künstlerische Talente und Begabungen fördern? Ohne Leistungsdruck? Was soll denn das?

An dieser Stelle eine spontane Überlegung: Was wäre wohl im Leben eines Malers wie

Vincent van Gogh anders verlaufen, wenn ihm jemand im 19ten Jahrhundert berechnet hätte, dass seine Zielgruppe, dass seine potentiellen Kunden Millionen von Dollar für seine einzelnen Werke zu zahlen bereit sind, allerdings erst gut hundert Jahre nach seinem Tod? Hätte er sich sein zweites Ohr abgehakt?

Postkarte mit einem Zitat aus: Kurz und für immer
Postkarte mit einem Zitat aus: Kurz und für immer

 

Wenn man Künstler, wenn man kreativ ist, wenn man etwas herstellt und es fremden Menschen zeigt, dann muss man mit Bewertungen rechnen, klar, und man sollte niemals davon ausgehen, dass die ausschließlich freundlich und positiv sind. Dennoch gibt es Reaktionen, die einen sprachlos machen können, über die man sich sehr lange wundern kann, so wie ich mich über eine auf meine POSTKARTE.

Ich habe eine Tragödie geschrieben und mit einem Zitat daraus eine Postkarte erstellt, einfach so, habe sie verschiedenen Menschen gezeigt und unterschiedliche Rückmeldungen erhalten, diese zum Beispiel: „Das stimmt doch nicht, das geht doch gar nicht, dass man sich und seinen Partner glücklich macht! Was soll denn das? Was für ein Ziel verfolgen Sie denn damit?“

Es war eine Ehefrau, die mir mit zusammengekniffenen Augen dieses Feedback gab und dabei die Postkarte mit dem Finger über die zwischen uns stehende Tischplatte kickte. Daneben ihr Ehemann, der betreten nach unten sah und schwieg. Ich fürchte, für ihn war ihre Aussage schlimmer. Aber zurück zur Arbeit.

Stellen wir uns einmal vor, die Frau wäre dem großen Künstler Vincent van Gogh begegnet. Wie hätte sie auf seine Bilder reagiert? So vielleicht: „Ein Bild mit Sonnenblumen? Was soll denn das? Die kann man sich doch auf der Wiese angucken. Umsonst! Wer soll das denn kaufen? Gehen Sie mal was Vernünftiges arbeiten!“

Mit „vernünftig“, wir dürfen es unterstellen, sind in der Regel Berufe gemeint, mit denen man Geld verdienen kann. Möglichst viel und bis zur Rente. Wobei, Rente? Zumindest für eine lange Zeit! Texte schreiben gehört nicht unbedingt dazu, eine Tragödie schon gar nicht. Shit happens. Ich mache es trotzdem! Und ich sage es einmal ganz präzise: Ein „vernünftiger“ Beruf und eine Zielgruppenanalyse sind kein Garant für einen sicheren Arbeitsplatz. Was ist also vernünftig, wenn nichts wirklich sicher ist?

Können wir uns einfach mal darauf einigen, dass ein großer Künstler wie Vincent van Gogh Bilder gemalt hat, weil er Bilder malen musste? Weil er gar nicht anders konnte? Dass es - auch heute noch - Menschen gibt, die Neues entstehen lassen müssen, weil es ihrer Natur entspricht, ohne darüber nachzudenken, ob sie davon leben können? Die das Leben anders als nur in Zahlen und Paragraphen und Absicherung wahrnehmen? Dass Menschen, die kreativ oder künstlerisch tätig sind, auch wenn sie nicht davon leben können, dennoch wesentlich einer Verrohung der Gesellschaft entgegenwirken und sei es nur aus dem einzigen Fakt heraus, dass sie sich selbst beschäftigen, die Fähigkeit besitzen, Zeit zur eigenen Zufriedenheit zu gestalten? Und dass allein dadurch eine gesamte Gesellschaft einen Nutzen davon hat? Sind wir uns da einig? Gut!

Zurück zur Postkarte, zur Tragödie, zur Liebe. Sollte man nur dann Postkarten mit eigenen Ideen erstellen, wenn man einer großen Öffentlichkeit bekannt ist, wenn man bereits eine Zielgruppe hat? Nein! Kann man von Postkartenverkauf leben? Nein! Sollte man es trotzdem machen, weil man es machen möchte? Weil sich Neues daraus entwickeln kann? Ja, klar! Und so ist es auch mit einer Tragödie! Also gleich weiter zur Liebe.

Ist Liebe sicher? Nein! Gibt es eine Rechenformel? Nein! Und ist uns eventuell schon einmal aufgefallen, dass sich Menschen, die verliebt sind, sonderbar verhalten? Dinge sagen, die sich für Außenstehende seltsam anhören? „Du bist mein Lieblingsessen!“ Was soll denn das? Dass verliebte Menschen sich unsachliche, unrealistische Versprechungen machen? „Ich hol dir Sterne vom Himmel.“ Das geht doch gar nicht! Und überhaupt, was für eine Funktion hat denn so ein hormonell bedingtes Gefühlsgelaber? Ist es nicht besser, Verliebte, ganz besonders junge Menschen, emotional zu neutralisieren? Sie mit Fakten an den Boden der Realität zu nageln? Klartext reden? „Versprecht euch bloß nicht die ewige Liebe! Ihr müsst Aktien kaufen für eure Altersversorgung, jeder für seine, statistisch gesehen seid ihr im hohen Alter nämlich gar nicht mehr zusammen!“ Steigern wir dadurch möglicherweise das Bruttosozialprodukt, weil Lebenszeit effizienter genutzt wird? Oder ist uns das einfach egal? Ja? Gut!

Zurück zu meinen Arbeiten, die ich liebe! Ich wage einen Selbstversuch und suche