Love is Blindness, Medea

Denken Sie oft darüber nach, dass es die Menschheit schon viel länger gibt, als es uns unsere Zeitrechnung weismachen will? Ich auch nicht!


Und doch kommt es gelegentlich vor, dass man auf unterhaltsame Weise daran erinnert wird. Durch ein spannendes Buch über die Entführung der schönen Helena nach Troja oder eine Verfilmung über Caesar und Kleopatra oder auch ein Hörspiel über Medea“. Medea, ein Drama von Euripides, das mehr als 400 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung geschrieben wurde.

Es sind uralte Geschichten über Herrschaft, über Raub, über Mord und über Krieg. Es sind aber auch Geschichten über etwas, das so schwierig in Worten zu formulieren ist, bis heute. Im Duden kann man dazu folgende Beschreibung nachlesen: „Eine auf starke körperliche, geistige und seelische Anziehung beruhende Bindung an einen bestimmten Menschen, verbunden mit dem Wunsch nach Zusammensein.“ Gemeint ist die Liebe. Das Hörspiel „Medea“ - in einer Version nach Jean Anouilh - ist eine Geschichte über Gewalt, Mord und Verbrechen. Und sie ist eine Geschichte über eine Liebe, die tragisch endet. „Oh my heart.“

Eine kurze Zusammenfassung vorweg. Iason, Sohn des entthronten König von Iolkos in Thessalien, wird von seinem Onkel Pelias auf eine Reise geschickt. Er soll aus Kolchis im Kaukasus das Goldene Vlies beschaffen und nach Thessalien bringen. Diese Aufgabe, so verspricht der Onkel, soll die letzte von bereits bestandenen sein, die Iason zu bewältigen hat, um König von Iolkos zu werden. Es ist eine List. Pelias schickt Iason fort, davon überzeugt, dass dieser niemals wiederkehren wird. Der Onkel will sich auf diese Weise selbst den Thron von Iolkos und seine Herrschaft über gesamt Thessalien sichern.

Iason macht sich also mit seinem Boot, der Argo, und seinen Kämpfern, den Argonauten, auf den Weg in den Kaukasus. Sie haben einige Abenteuer zu bestehen und landen schließlich am Strand von Kolchis. Iason ist bereit, das Goldene Vlies an sich zu nehmen. Aietes, der König von Kolchis, man ahnt es, ist jedoch nicht bereit, ihm das schwer bewachte Heiligtum freiwillig zu übergeben. Iason, der Krieger, ist zum Kampf bereit. Es kommt aber anders. Iason begegnet Medea. Medea, Tochter von Aietes, Königstochter, jung, unberührt, fremd, ganz anders aussehend als die Frauen in Thessalien, anders als die Frauen, die Iason bisher traf, die er ganz selbstverständlich auf sein Lager nahm.

Medea und Iason erblicken einander, man stelle es sich vor: der starke Eroberer und die faszinierende Königstochter. Sie umkreisen einander am Tag „Won't you wrap the night around me?“ Sie ringen miteinander in der Nacht „A little Death without mourning“. Die beiden verlieben sich ineinander, könnte man meinen, aber so ist es nicht. Medea verliebt sich in Iason. „Death!“ Die Tragödie beginnt.

 

 

 

Medea ist verliebt, das erste Mal in ihrem jungen Leben. Sie ist taub für die Warnungen ihrer Amme. Ihre Amme, die einzige, der sie sich anvertrauen kann, die ihr treu ergeben ist. Medea will Iason helfen, sie kann nicht anders. Eine Königstochter im Rausch. Was sie fühlt, ist neu, es muss, wie kann es anders sein, der Wille der Götter sein, ihr, Tochter der Sonne, die Liebe zu schicken. Medea, zauberkundige Königstochter aus Kolchis, ist kein Dornröschen, sie ist kein Schneewittchen, sie ist auch keine Undine. Medea ist anders. Medea hilft Iason auf ihre Weise. Sie hilft ihm, den riesigen Drachen zu besiegen, der das Goldene Vlies bewacht. Sie tötet ihren Bruder, sie hintergeht ihren Vater, sie verrät ihre Heimat, sie flieht mit Iason und den Argonauten. Sie flieht mit dem gestohlenen Gold des Vaters, mit dem Goldenen Vlies. Sie tut es für Iason, sie tut es aus Liebe.

Die verwöhnte Königstochter gibt alles auf. Sie verzichtet auf schöne Kleider, sie verzichtet auf kostbaren Schmuck, sie verzichtet auf Zofen, die ihr die Haare frisieren, die ihren Körper ölen. Sie verzichtet auf Bequemlichkeit, auf ein leichtes Leben in Luxus und Sicherheit im königlichen Palast. Medea verlässt alles, was ihr bis dahin vertraut, was bisher ein Teil ihres Lebens war. Allein die Amme bleibt an ihrer Seite, treu ergeben, ein Stück Erinnerung an eine unbeschwerte Kindheit auf der Reise ins Ungewisse. Medea ist verliebt. Sie wird die Ehefrau von Iason, sie bleibt seine Geliebte, sie wird seine Gefährtin, die beiden bekommen zwei Kinder. Viele Jahre vergehen, bis sie gemeinsam in der Heimat von Iason, bis sie in Thessalien ankommen. Pelias, der Onkel, der König, er nimmt das Goldene Vlies und, man ahnt es, ist nicht bereit, sein Versprechen einzulösen und den Thron an Iason abzugeben. „Death!“

Medea, die Zauberkundige, sie hilft. Sie belügt die beiden Töchter Pelias, sie spinnt eine Intrige, sie lässt die ahnungslosen jungen Frauen den eigenen Vater töten. Medea tut es, noch immer, für Iason. Er soll König von Iolkos werden. Der Plan scheitert. Pelias ist tot, aber seine beiden Söhne leben. Medea und Iason müssen fliehen, mal wieder. Es wird die letzte Flucht sein. Die beiden gelangen mit den gemeinsamen Kindern und der Amme in das Nachbarland Korinth. Es ist das Reich von König Kreon. Dort beginnt das gemeinsame Ende, es beginnt die Version des Dramas „Medea“ nach Jean Anouilh.

Man stelle sich vor: Der Palast des Königs im Dorf Korinth und vor dem Dorf eine Weide. Auf der Weide steht der alte Karren der Geflüchteten. Das Zugpferd grast in der Abendsonne, die beiden Kinder, müde vom Toben, vom Spielen am Tag, liegen eingeschlafen auf einer Decke. Neben den Kindern sitzen Medea und ihre Amme. Hier haben sie ihr Lager zugewiesen bekommen. Sie wachen, sie reden, sie schauen hinüber zum Dorf. Iason ist beim König, die Frauen warten, sie warten seit Tagen. Der König hält Gericht über Iason und Medea, über den Mord an Pelias, über weitere Verbrechen, die von beiden begangen worden sind. Er wird ein Urteil sprechen. Musik erklingt.

Menschen singen, sie lachen, es klingt fröhlich, Medea sagt: „Das Glück, es zieht umher.“

Sie sagt es mit Verachtung. Es ist das Glück der anderen.

Ein Junge aus dem Dorf kommt zu den beiden Frauen, er bringt eine Nachricht von Jason: Medea ist gerettet. Sie, die Fremde aus dem Kaukasus, wird für die Verbrechen, die sie begangen hat, nicht mit dem Tod bestraft werden. Iason hat Gnade für Medea erwirkt. Er selbst ist noch immer beim König. In Gefangenschaft. Das ist es, was Medea glaubt. „Blindness.“

Nein! Der Junge aus Korinth spricht unbedarft. Jason ist frei. Im Dorf wird eine Hochzeit vorbereitet. Es ist die Hochzeit von Iason und Kreusa. Iason wird die Tochter des Königs von Korinth heiraten. Es sind seit der gemeinsamen Ankunft von Medea und Iason im Land des Königs von Korinth genau zehn Tage vergangen.

Mehr als 2400 Jahre später, ausgehend von „Medea“ nach Euripides, sitzt Murielle an einem Silvesterabend allein in ihrer Wohnung. Auf den Straßen und in der Wohnung über ihr wird ausgelassen gefeiert. Sie hasst die Freude der anderen. „Eine gebrochene Frau“, so heißt ein Buch aus den 1960er-Jahren der Schriftstellerin Simone de Beauvoir. Es sind drei Erzählungen über drei Frauen. Eine von ihnen ist Murielle. Murielle hasst ihr Leben. Sie hat ein anderes verdient. Sie war schön, als sie jung war. Ihr Leben hätte es auch werden sollen. Sie hat zwei Kinder bekommen, eine Tochter und einen Sohn von zwei verschiedenen Ehemännern. Die Tochter ist tot, mit nur 15 Jahren durch Suizid verstorben. Der Sohn lebt beim Vater, ihrem zweiten Ehemann. Sie sind seit einigen Jahren getrennt. Der Vater des Sohnes wird nicht zu ihr zurückkommen. Er will nicht mit ihr in einer gemeinsamen Wohnung leben, auch nicht nur um des Sohnes Willen. Murielle ist verbittert. Sie ist verbittert über das, was ihr Leben geworden ist.

Das hat sie nicht verdient. Das Leben, in dem sie festsitzt. Aus dem sie kein Entkommen sieht. Ein Leben, an dem sie keine Schuld trägt. Sie weiß genau, warum ihr Leben so geworden ist. Ihr Vater, der sich um sie sorgte, ist viel zu früh gestorben, er hat sie allein gelassen. Ihre Mutter, lasterhaft, hat den Bruder bevorzugt. Den ersten Ehemann hat sie nur aufgrund einer Intrige ihrer verdorbenen Mutter geheiratet. Dann ein Liebhaber, er war reich, er hatte das Geld, sie hatte den Körper, es war eine gute Zeit. Er konnte ihr bieten, was ihr zustand. Sie hat ihn aufgegeben für die zweite Ehe. Ihr zweiter Ehemann, wohlhabend, konnte ihr immerhin das vornehme Leben ermöglichen, für das sie gemacht ist. Dann seine Vorwürfe, sie habe ihn des Geldes wegen geheiratet. Trennung, sie ist finanziell von ihm abhängig. Wie soll sie sich ohne Geld verteidigen? Die schwierige Persönlichkeit ihrer Tochter, die bei ihr lebte. Die Entfremdung des Sohnes, der bei dem Vater lebt. Die Verlogenheit der Verwandten, die Heucheleien der Freunde. Murielle ist unschuldig an dem Leben, wie es ihr gekommen ist. Sie weiß es, sie kann es ausführlich erklären. Niemand will es hören. Sie spricht einen Monolog. Es ist Silvester. Sie ruft ihre Mutter an. Ein kurzes Gespräch, es endet im Streit, wie immer. Das hat Murielle nicht verdient. Sie, die Unschuldige, sitzt gut 2400 Jahre nach „Medea“ des Dramatikers Euripides allein in ihrer Wohnung. Sie kneift sich, um sich selbst zu fühlen. Das ist alles, was sie tut.

Medea, die Zauberkundige, Tochter der Sonne, Medea ist nicht gebrochen. Sie spürt, dass sich etwas in ihr regt wie ein ungeborenes Kind. Sie spürt, dass sie etwas gebären muss, was größer als sie ist. Medea lebt! Der König kommt.

Man stelle es sich vor: Der König verlässt seinen Palast. Er marschiert zur Weide. Die Frau, die er aufsucht, darf sein Dorf nicht betreten. Er kennt sie nicht, aber er hat viel von ihr gehört. Er hat ein Urteil über sie gefällt, er will es ihr mitteilen. Sein Blick sucht den Lagerplatz. Zwei Frauen sitzen vor einem kleinen Feuer. Der König nähert sich, eine von ihnen ist Medea. König Kreon teilt ihr sein Urteil mit. Iason ist unschuldig, Medea ist schuldig. Der König lässt sie leben. Eine Gnade, um die Jason ihn gebeten hat, aber sie muss gehen. Sie muss sein Land verlassen, er gibt ihr Zeit bis zum Morgengrauen.

Gute 2400 Jahre nach „Medea“ von Euripides leitete der Soziologe Norbert Elias Anfang 1960 eine Feldforschung in einer Gemeinde, dessen Bevölkerung in zwei Teile gespalten war. Der eine Teil lehnte den anderen Teil konsequent ab. Der Soziologe, wissend, dass Menschen allein aufgrund von einzelnen Merkmalen des Unterschieds wie Geschlecht, Religion, Hautfarbe oder Nationalität in Gesellschaften benachteiligt oder ganz ausgeschlossen wurden, suchte folglich zuerst nach einem Unterschied zwischen den beiden Bevölkerungsteilen. Er fand aber keinen. Keinen, der auf den ersten oder zweiten Blick für ihn zu erkennen war.

Der Name des Landes und des Ortes, in dem er seine Untersuchungen durchführte, ist für das Ergebnis ohne Bedeutung. In diesem Dorf nun gab es eine Fabrik, die zum Transport von Waren direkt mit der Eisenbahn verbunden war. Die Eisenbahnschienen führten bis an die Fabrik heran und sie führten durch die dort ansässige Bevölkerung hindurch. Man kann sagen, die Bevölkerung war durch die Schienen in zwei Siedlungen aufgeteilt. Viele Bewohnerinnen und Bewohner von beiden Seiten der Schienen hatten in der Fabrik einen Arbeitsplatz. Sie arbeiteten dort gemeinsam ohne nennenswerte Probleme.

Außerhalb der Arbeitszeit jedoch, und das war der Grund der Feldforschung, lehnte die Bewohnerschaft der einen Siedlung die Bewohnerinnen und Bewohner der anderen Siedlung konsequent ab, sie wurden aus der eigenen Gemeinschaft ferngehalten. Die Schienen wirkten wie eine unsichtbare Mauer, die es nicht zu übertreten galt.

Man begegnete den Menschen aus der anderen Siedlung mit Ablehnung, mit Vorurteilen und mit Feindseligkeiten. Der Soziologe suchte den Grund für diese Ablehnung der anderen Siedlungsgruppe: Die Männer, Frauen und Kinder waren in beiden Siedlungen in den üblichen Merkmalen gleich: dieselbe Nationalität, die gleiche Hautfarbe, sie gehörten auch derselben Religion an. Schließlich, nach einer längeren Zeit der Untersuchungen und Beobachtungen, stellte er den offensichtlichen und dennoch feinen Unterschied fest. Die Bewohnerschaft der einen Seite lebte dort bereits seit Generationen. Die Bewohnerinnen und Bewohner der anderen Seite waren erst nach und nach und unabhängig voneinander dorthin gezogen. Einzelne Familien, Alleinlebende, Alleinerziehende, eine willkürlich zusammengestellte Gemeinschaft, die sich nicht von innen heraus entwickelt hatte, die nicht zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen war. Die Menschen waren in das Dorf gezogen, weil sie in der Fabrik einen Arbeitsplatz bekamen.

Norbert Elias unterschied die Bewohnerschaften der beiden Siedlungen in: Die Etablierten und die Außenseiter. Die Etablierten waren einander vertraut und in ihrer Gemeinschaft organisiert. Es gab ein Dorfleben mit Freizeitgestaltung, Veranstaltungen für die Erwachsenen, Kinderfeste, es gab Unterhaltungsnachmittage für die Alten. Es gab Gemeindeführer und Gefolgsleute und es gab Funktionen und Positionen innerhalb der Gemeinschaft, die nach festen Regeln, die auch nach Familienzugehörigkeit vergeben wurden. Es gab insbesondere bei jenen, die durch ihre Positionen und Funktionen einen Nutzen, einen Vorteil hatten, das Bedürfnis und Bestreben, genau daran nichts zu verändern. Folglich entwickelten sie verschiedene Mechanismen, um Veränderungsaktivitäten der eigenen Siedlungsbewohnerschaft ebenso zu verhindern wie die Außenseiter fernzuhalten. Der Soziologe nannte diese Mechanismen in Oberbegriffen: Zusammenhalt und Kontrolle.

Medea ist eine Außenseiterin. Sie ist eine Fremde. Sie ist allein. Sie hat ihre beiden Kinder, sie hat ihre Amme. König Kreon will sie nicht in seinem Dorf, er will sie nicht in seinem Land. In der Bearbeitung des Dramas nach Anouilh, will Medea jedoch gar kein Teil der Bevölkerung von Korinth werden. Sie will auch keine Gnade. Sie fordert stattdessen vom König, dass Iason, ihr Ehemann, sie zurückbegleitet. „Blindness.“

König Aison, der Vater von Iason, war ein Freund von König Kreon, sie waren Nachbarn. Korinth soll nun die Heimat von Iason werden. Die Thronfolge ist geregelt. Der Frieden mit dem Nachbarland Thessalien ist besiegelt. Schuld am Tod von Pelias ist allein Medea. Zusammenhalt und Kontrolle. Kreon will, dass die ihm vertraute Ordnung erhalten bleibt. Die Fremde muss gehen, allein. Die beiden Kinder sollen bei Iason bleiben. Kreon gibt Medea Zeit bis zum Morgengrauen. Der König geht.

Medea sieht ihm nicht hinterher. Sie hat keine Zeit zu verlieren. Niemand nimmt ihr die Kinder weg! Es ist noch nicht alles verloren. Sie wird fliehen, sofort. Sie weiß nicht wohin, aber sie wird Korinth verlassen. Hastig wird gepackt, die Kinder werden geweckt, die Decken gerollt, die Töpfe im Karren verstaut, die Bündel geschnürt, das Pferd wird angespannt. Iason ist vergessen. Iason kommt.

Er kommt heimlich. Er ist dem König aus Korinth gefolgt, unbemerkt. Er hat gewartet, bis Kreon geht. Er will allein mit Medea sein, ein letztes Mal. Einmal alles sagen. Nein, er war nicht in sie verliebt, damals in Kolchis. Er wollte nur das Goldene Vlies. Er wollte nur sein Vergnügen. Seine Welt war nur er selbst. Medea war eine von vielen Frauen, nur schöner.

Doch dann, seine Stimme ist gebrochen, dann auf dem Weg zurück nach Iolkos, kam die Liebe. „No Warning“. Ein Abend wie so viele andere. Medea an seiner Seite, müde vom Tag, müde vom Marschieren, am Tisch sitzend nach der letzten Mahlzeit des Tages. Sie schläft ein, ihr Kopf an seiner Schulter. Iason trägt sie zum gemeinsamen Schlafplatz, er bleibt an ihrer Seite sitzen, wach, alles ist anders. Er betrachtet sie, beschützt ihren Schlaf. Er verteidigt sie die ganze Nacht gegen nichts. „Oh my love.“ Die Welt wird Medea. Der nächste Tag beginnt, die Flucht geht weiter. Medea an seiner Seite. Sie tragen das gleiche Hemd, sie tragen die gleiche Hose, ihre langen Haare sind unter einer Mütze verborgen. Ein kleiner Argonaut an seiner Seite. „See my love made complete.“ Sie marschieren gemeinsam am Tag, sie teilen ihr Brot, sie stehlen, sie rauben, sie teilen ihre Beute, gleiche Teile für jeden von Ihnen. In der Nacht die Liebenden. Die Welt ist Iason und Medea. Die anderen Argonauten haben keine Bedeutung mehr. Er liebt das wilde Leben mit ihr, das Einverständnis zweier Komplizen.

Aber irgendwann fangen sie an, sich wehzutun. Beleidigungen, Szenen, Lügen, fremde Männer, fremde Frauen, Leiden. Iason sagt: „Du hast mich zuerst betrogen.“ Ein Schafhirte aus Naxos. „Death!“ Iason hat ihn getötet, er wünscht, er wäre selbst getötet worden.

„I only hope that one day you understand just what I´have been through“. Die Welt ist nicht mehr Iason und Medea. Er will jetzt in Korinth ein anderes Leben: Ordnung statt Chaos, Ruhe ohne Abgrund, er will Frieden, keine Wunden. Er will eine Welt errichten nach seinen Maßen und er hofft auf das Glück. „Blindness.“ Iason geht.

Medea sieht ihm nach. „Oh tell me that there´s still a little love left in you“. Er dreht sich nicht um, er zweifelt nicht, er will Medea in Korinth vergessen. Das hat sie nicht verdient. Die Königstochter aus Kolchis muss jetzt gebären, was größer und stärker als sie ist. Rache! Medea hasst! „Death!“ „Death!“ Das Glück der anderen, sie kann es nicht ertragen, sie wird es vernichten. Sie überreicht ihren beiden Kindern eine Kiste, verschlossen, sie darf nicht geöffnet werden, nicht von den Kindern. In seinem Innern lagert der Tod. Sie schickt die Kinder zu Kreusa, ein Geschenk für die Braut. Die Braut, sie ist jung, sie ist naiv, ein Geschenk von Medea? Sie öffnet die Kiste, im Inneren ein goldener Schleier, ein kostbares Diadem. Sie zögert, können Kinder den Tod bringen? Kreusa gefällt, was sie sieht, sie legt den Schleier auf ihr Haar, er ist vergiftet. Es dauert nur wenige Sekunden. Das Gift durchdringt die Haut der Finger, die Haut des Kopfes. Der Tod, den Medea schickt, ist hässlich. Kreusa röchelt! Sie reißt die Augen auf, sie schreit vor Schmerzen. Ihre Zofen weichen entsetzt zurück. Die Kinder fliehen. Die Braut geht zu Boden. Der Vater kommt herbei, erkennt die Situation, er will seine Tochter retten, entreißt ihr den Schleier, er umarmt seine Tochter. Das Gift durchdringt seine Haut. Er röchelt, er schreit vor Schmerzen. Die beiden umklammern einander im Todeskampf.

Die Kinder laufen zurück. Es ist noch nicht vorbei. Medea ist sie selbst, sie ist es konsequent und bis zum Ende. Bis zum grausamen Schluss. Das Pferd wird getötet, der Karren angezündet. „Death!“ Death!“ Niemand nimmt Medea die Kinder weg! Sie tötet ihre eigenen Kinder. Sie tötet die Unschuld. Aus dem Dorf kommen sie herbeigerannt, bewaffnet mit Knüppeln, Iason rennt voran. Es ist noch nicht vorbei. Medea tötet sich selbst. Alle sehen zu. Der Tod soll Iason an Medea erinnern, für immer. Er wird sie nie vergessen. Das ist seine Strafe! Das ist ihr Ende.

 

 

 

 

 

Die Amme bleibt zurück, sie bleibt am Leben. Ruhe ist eingekehrt. Niemanden interessiert es, was eine Amme zu sagen hat, dabei hat sie viel zu erzählen. Sie kennt das ganze Leben von Medea. Sie weiß, wie alles begann. Medea und Iason. Die Geschichte von der faszinierenden Schönheit aus Kolchis, die sich in den starken Eroberer aus Iolkos verliebte, wird der Welt erhalten bleiben. Man wird auch mehr als 2400 Jahre später noch davon erzählen. Der Königssohn, der kam, um das Goldene Vlies zu stehlen, und die Königstochter, die bereit war, ihm dabei zu helfen. Sie tat es aus Liebe. „Baby, a dangerous idea.“

Frei nach: "Medea", Originalhörspiel von Radio Bremen nach Jean Anouilh;

"Monolog", Simone de Beauvoir;

"Etablierte und Außenseiter", Norbert Elias, John L.Scotson.

Musikalisch inspiriert von "Love Is Blindness", U2, in der Version von Jack White;

"The Case Continues", Neil Hannon, Ute Lemper.