Mimi geht mit großen Schritten

Mimi geht mit großen Schritten, bleibt stehen, reibt sich die Hände warm, atmet heiß in ihre Innenflächen und setzt die großen Schritte fort, bis sie neben ihm steht.


Du bist schon ganz nass, sagt sie ohne Sorge in der Stimme und hält ihr Gesicht hoch, in den fallenden Regen hinein.

Du?“, er starrt sie an, sucht nach Worten, schüttelt den Kopf, wirft Tropfen in ihr Gesicht.

Mimi zwinkert sie von den Augen, leckt sich Wasser von der Lippe.

Ja, ich bin auch ganz schön nass.“

Aber“, hört er sich sagen und dabei das Rauschen in seinen Ohren.

Klar“, lacht sie unbeschwert, „das trocknet auch wieder.“

Ein Paar steht bei Regen unter einem roten Regenschirm in einer Fußgängerzone.  Im Hintergrund ist der Eifelturm.
Mimi

Mimi!“, ruft er, der Ton ein wenig streng, kreist mit den Händen durch die Luft, um einen Anfang zu finden, „wo kommst du her?“ Er atmet aus, endlich der erste Satz.

Sie dreht sich ein wenig, hebt einen Finger hoch und zeigt zurück: „Von dort aus dem Park.“

Er schüttelt den Kopf, so war sie schon immer.

Aber was machst du hier, wieso ...“, er versteht nicht, dass er das fragen muss, „... wieso stehst du plötzlich neben mir?“

Ich habe dich gesehen und bin gekommen, um mich zu dir zu stellen. Vielleicht für eine Weile, ich habe es mir nicht überlegt.“ Sie schlägt den Kragen ihres Mantels hoch und vor dem Kinn zusammen.

Er denkt: Derselbe Mantel, noch immer zu groß.

Ihr Blick hängt an seinem Gesicht: „Und ich wollte auch gerne deine Stimme hören.“

Du sprichst mit mir ...“, beginnt er wieder.

Aber ja“, sie nickt in ihren Kragen, „ich spreche mit dir.“

... als wäre nichts geschehen“, fährt er fort, die Stimme ruhiger, die Hände auch.

Sie zögert: „Ist das falsch?“

Mimi, wir haben uns“, er denkt zurück, „ seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.“

Sie lächelt die Jahre fort: „Wir haben uns sofort erkannt.“

Ja, denkt er, ich würde dich immer erkennen.

Sie nimmt seine Hand und führt sie an ihre Wange. Wie damals. Ihre Wärme strömt seinen Arm entlang. Er zieht die Hand weg. So geht das nicht, einfach von ihm zu nehmen, als wären sie wie damals, noch immer.

Ich warte auf meinen Sohn!“, betont er die Zeit, die zwischen ihnen steht.

Mimi legt ihren Kopf ein wenig schief: „Das ist schön. Wartet auch jemand auf dich?“

Nein“, sagt er langsam, fühlt sich entblößt und sieht zurück. Die Trennung von seiner Frau, die Enttäuschung, die Fragen. Was hätte anders sein müssen? Gibt es eine Schuld?

Er fühlt Mimis Kopf jetzt an seiner Schulter, ihr Haar an seinem Hals. Wie damals legt er automatisch seinen Arm um sie. Drückt die vergangenen Jahre zur Seite.

Ich fühl den Regen gar nicht mehr“, flüstert sie an seinem Ohr

Das Vertraute hüllt ihn ein. Er könnte ihr sagen, wie lange er nichts mehr fühlte, als sie ihn verließ.

Er sagt: „Ich dachte damals, du bist glücklich mit mir.“

Sie schweigt.

Er denkt: Jetzt hättest du lügen können. Er seufzt leise, er hätte ihr doch nicht geglaubt.

Sie ist still in seinen Armen, kein Vorwurf mehr, kein Schmerz, kein Schamgefühl.

Ich habe meine Frau belogen“, gesteht er, „aber ich habe es nicht gewusst. Ich dachte wirklich, dass ich sie liebe, nur anders als dich.

Er hört Mimis Atem, regelmäßig, tief und ruhig, als würde sie schlafen. Er wagt nicht, sich zu bewegen. Sie darf nicht gehen, bevor er ausgesprochen hat, was er noch niemandem vorher gesagt hat.

Er sagt: „Ich habe meiner Frau beim Abschied versichert, dass ich sie mag.“

Er denkt: Das war das Schlimmste, was ich je zu ihr gesagt habe.

Sie hat geweint“, spricht er weiter, „ich bin gegangen und war erleichtert.“

Mimi wird ihn verstehen, ausgerechnet Mimi.

Er fühlt sie an sich, als wären sie eins, nur anders als damals. Vertraut, wie zwei Gefährten.

Er denkt: Der Regen hat uns nie gestört.

Er sagt: „Ich habe viel verloren.“

Sie löst sich von ihm und nimmt sein Gesicht in ihre Hände: „Es gibt eine gemeinsame Zeit, die kann man nicht verlieren.“

Er denkt: Ich möchte eine Liebe, die bleibt.

Sie sieht in den Himmel und schließt ihre Augen: „Es hat aufgehört zu regnen.“

Er schlägt ihr den Kragen des Mantels sorgsam herunter, lässt seine Hände auf ihren Schultern liegen: „Und du, bist du glücklich?“

Eine Frau in einem Mantel mit Kapuze über dem Kopf und den Händen in den Taschen geht eine lange Treppe hinunter. Auf der Treppe sind Straßenlaternen und rechts davon stehen Häuser.
Mimi

Langsam öffnet sie ihren Mund.

Er denkt: Sie kaut noch immer auf ihren Lippen.

Die glücklichen Momente“, beginnt sie, die Stimme rau, „sind so verdammt unzuverlässig.“ Sie atmet schwer: „Aber manchmal erwische ich einen.“

Er weiß, das hat sie noch niemandem vorher gesagt.

Er sagt: „Ich stehe gern mit dir im Regen.“

Sie löst sich von ihm, flüstert: „Ich kann einfach nicht bleiben“,  und geht mit großen Schritten. Davon.